Letztes Wochenende hatte ich einen Freund aus Österreich zu Gast. Wir fuhren mit einem Gummiboot auf der Aare von Thun nach Bern, er war tief beeindruckt. Von der Schönheit der Berge, wo noch immer Schnee liegt, von der Schönheit der Aare, die offenbar sauberer ist als jeder Fluss in Wien, und vom Menschenstrom, der sich auf Booten den Fluss hinunterbewegt, entspannt und zufrieden. Und schliesslich von Bern, wo Menschen im Marzili an der Sonne liegen und das Leben geniessen, mit Blick auf die Altstadt und unser Bundeshaus.

Dieser Österreicher fragte mich, wie die Schweizer denn den 1. August so feierten. Wie Frankreich, mit Militärparaden, Flugshows und Feuerwerk? Nicht ganz, meinte ich, wir nehmen es etwas ruhiger. Es gibt viele kleine Feiern, wo jemand eine Rede hält und die lokale Musikgesellschaft spielt. Viele Leute grillieren auch einfach mit Freunden, oder gehen auf den Gurten oder an einen See, um ein Feuerwerk zu sehen. Was wir auch noch machen: wir zünden Höhenfeuer an – dieses Jahr wohl etwas weniger als andere Jahre. Alles in allem also ziemlich typisch Schweizerisch: bescheiden, gemütlich, und eher zurückhaltend. Wie wir feiern, war meinem Freund also schnell genug klar. Dann kam natürlich die Frage auf: was feiern wir denn eigentlich an diesem ersten August?

Zuerst einmal feiern wir den Ursprung der Eidgenossenschaft, die mit dem Rütlischwur ihren Anfang genommen haben soll. Mit dem Bundesbrief haben sich die drei Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden verbündet, «um den Frieden zu wahren und ihre Freiheiten gegen Übergriffe von aussen zu verteidigen». Damals hatten die Höhenfeuer noch einen ganz anderen Zweck: durch sie konnte man die Nachricht von einem ankommenden Feind schnell von Tal zu Tal weitergeben und Truppen mobilisieren. Ich bin froh, dienen die heutigen Höhenfeuer nur noch der Freude und der Erinnerung an jene Zeiten, in denen unser Land seine Ursprünge hat.
Heute jährt sich der Rütlischwur zum 727igsten Mal. Wir haben als Land also eine sehr lange Geschichte, gerade im Vergleich mit vielen anderen Nationen. Da diese Geschehnisse schon eine Weile her sind, haben nicht mehr alle den gleichen Bezug zu den alten Eidgenossen. Was gibt es sonst noch zu feiern, an unserem Nationalfeiertag?

Die Schweiz als Nation, natürlich. Noch vor 200 Jahren identifizierten sich die Menschen viel stärker mit ihrem Kanton, weniger mit der Schweiz. Es ist schön, dass wir uns heute alle als Schweizerinnen und Schweizer fühlen, doch das war nicht immer selbstverständlich. Den Kantönligeist spüren wir ja heute noch oft – ich will mir gar nicht vorstellen, wie das vor 200 Jahren gewesen sein muss!
Aus diesem Grund sieht man heute, wenn man auf dem Bundesplatz steht, zwei Jahrzahlen am Bundeshaus: 1291, das Jahr des Rütlischwurs, und 1848. Im Jahr 1848 beschlossen die Schweizer ihre erste Verfassung. Damit wandelte sich die alte Eidgenossenschaft, die eigentlich eine Art starkes Bündnis zwischen den Kantonen war, zu einem modernen Bundesstaat. So war der Grundstein gelegt für die Entwicklung eines echten Nationalgefühls.

Nach der Gründung des Bundesstaats folgte eine rasante wirtschaftliche Entwicklung, die unser Land bis heute prägt. Die Eisenbahn ist ein gutes Beispiel. Die Schweiz hatte 1854 nur 38 km Eisenbahnschienen, also etwa wie eine Doppelspurstrecke von Konolfingen-Bern. Sie hinkte damit der europäischen Entwicklung hinterher. Das ist wenig erstaunlich, wenn man sich bewusstmacht, dass man vor 1848 noch Zoll zahlte, wenn man Waren von Bern nach Freiburg transportierten wollte und die Kantone teilweise noch eigene Währungen hatten.
Als der Bund die Zölle abschaffte und den Franken als nationale Währung einführte, ging es plötzlich schnell. 1864, nur 10 Jahre später, gab es schon über 1’300 km Schienen in der Schweiz. Das ist die Strecke Genf – St. Gallen, und zwar vierspurig! Unter diesen Schienenstrecken war übrigens auch die erste Eisenbahn in Konolfingen, die von Bern nach Luzern führte.
Um 1900 waren es gar 3’800 km, das ist eine vierspurige Strecke von Bern nach Hamburg – schier unvorstellbar, oder? Das sind rund Dreiviertel von allen Eisenbahnstrecken, die es heute in der Schweiz gibt! Dazu gehörte übrigens der Gotthardtunnel, einer Pionierleistung sondergleichen zur damaligen Zeit. Auch unsere zweite Konolfinger Strecke, von Burgdorf nach Thun, wurde in dieser Zeit als erste vollständig elektrische Bahnstrecke von ganz Europa gebaut. Was übrigens mitentscheidend dafür war, dass die heutige Nestlé-Fabrik in Konolfingen entstanden ist. Feiern wir heute an unserem Nationalfeiertag, so dürfen wir also mit Stolz auch auf diese Zeiten zurückblicken.

Seither hat sich die Schweiz prächtig entwickelt, und wurde dabei von zwei Weltkriegen verschont. Wir leben heute in einem der besten Länder der Welt – wenn nicht sogar dem besten.
Hoppla, ich weiss, das tun wir nicht, uns so loben. Und ja, ich weiss, es gibt auch bei uns noch viele Baustellen. Wir können noch immer besser werden. Das sind Haltungen, die uns als Schweiz ausmachen, und die ich persönlich sehr mag.

Doch für einmal lasse ich das bei Seite, denn wir haben noch etwas Drittes zu feiern heute: diese wunderbare Schweiz, in der wir leben dürfen. Ich möchte darum von fünf Errungenschaften erzählen, die ich persönlich sehr schätze an unserem Land.
Nummer Eins. Ich sage nur: Roger! Der beste Tennisspieler aller Zeiten, ja, der kommt aus unserer Schweiz. Ich geniesse jeden Match, den ich von ihm zu sehen bekomme. Und obwohl er ein Weltstar ist, ist er total bodenständig geblieben – aus meiner Sicht verkörpert kaum ein Schweizer unser Land und unsere Werte so gut wie er. Wenn wir schon beim Sport sind: zweimal Vizeweltmeister im Eishockey sind wir letzthin auch geworden! Mit einer Wahnsinns-Teamleistung, und dank einem super Ausbildungssystem.
Apropos Bildung: wir haben mit der ETH eine Hochschule, die zu den besten 10 Universitäten der gehört – als einziges nicht-englischsprachiges Land der Welt. Wir haben auch das beste Berufsbildungssystem der Welt – die Kombination von Lehre, Fachhochschule und universitärer Ausbildung macht uns zur unangefochtenen Nummer 1 im globalen «Young Worker Index»!
Ein Land, das so viele talentierte junge Menschen hat und diese entsprechend ihren Fähigkeiten ausbildet, dürfte auch ziemlich innovativ sein, nicht? Das sind wir, ja, und zwar das innovativste Land der Welt – zum achten Mal in Folge, notabene! Zu verdanken haben wir das all den innovativen Köpfen in unserem Land und hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung, insbesondere von international tätigen Unternehmen. Zum Beispiel auch im Forschungszentrum der Nestlé in Konolfingen.
Sind die Schweizer so erfinderisch, weil sie in so einem lebenswerten Land leben? Für diesen Zusammenhang habe ich keinen Beleg gefunden. Die Lebensqualität in unserem Land ist aber auf jeden Fall unvergleichlich hoch: vier von den 15 lebenswertesten Städten der Welt liegen in der Schweiz. Ich als Landkind stelle da gerne die Frage: wenn es in den Städten so schön ist, wie schön muss es dann auf dem Land erst sein? Dafür braucht es keine Antwort, dafür braucht man nur auf den Ballenbühl zu spazieren. Die abwechslungsreiche und gepflegte Landschaft mit unseren Alpen im Hintergrund ist ein Freudenfest für die Augen.
Grundlage für all diese wunderbaren Leistungen unseres Landes ist die Demokratie, die wir pflegen. Unser föderales System, wo man Entscheidungen dort trifft, wo sie am meisten Sinn machen, und unser Milizsystem, das uns Politikern und Politikerinnen eine Verbindung zum Alltag der Menschen sichert, funktioniert sehr gut. Die Menschen danken es mit Vertrauen: in keinem anderen Land vertrauen die Menschen ihrer Regierung so fest wie in der Schweiz. Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln: von allen Volksabstimmungen, die in Ländern dieser Welt stattgefunden haben, haben gut die Hälfte in der Schweiz stattgefunden 😉

Stehen für dich heute die Anfänge der Schweiz im Vordergrund, die tapferen Männer auf dem Rütli?
Oder denkst du gerne an die Grundlagen für unsere moderne Schweiz, die 1848 geschaffen wurden?
Oder freust du dich einfach über die schöne Schweiz von heute, in der wir leben dürfen?

Was auch immer es ist – oder gleich alles zusammen wie für mich – wichtig ist, dass wir heute unser Land feiern. Und wichtig ist auch, dass wir uns bewusst sind, dass wir all diese Errungenschaften vielen Menschen vor uns verdanken.

So tragen wir heute auch die Verantwortung, dieses schöne Land so – oder in Schweizermanier noch ein bisschen besser – unseren Kindern und Enkelkindern zu übergeben.

Dem wollen wir uns die übrigen 364 Tage des Jahres widmen.

Für heute wünsche ich uns allen ganz ein schönes Fest.

 

Gedanken zum ersten August

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